Tofu & Gemüse - Kassandra Anton
Um mein Schreibhandwerk zu verbessern, muss ich mein Kunstverständnis erweitern. Was ist Kunst? Ich mag es, Kunst als zwischenmenschliche, affektive Kommunikation zu betrachten. Muss die Kommunikation immer von einem an mindestens einen anderen Menschen gerichtet sein? Ich weiß es nicht. Muss die Kommunikation mit Intention geschehen? Ich bin ein starker Vertreter der Schule, die die Intention eines Kunstwerkes gerne untergeordnet behandelt. Das heißt, bei der Betrachtung eines Kunstwerkes spielt es zwar eine Rolle, dass dies von einem Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen geschaffen wurde, aber relevanter ist die Frage, wie das Werk von Rezipienten räsoniert wird.
Ist mein Abendessen ein Kunstwerk? Lasst es mich zum Zwecke der Übung mal als ein solches betrachten. Noch liegt ein relevanter Teil dessen im Ofen: Marinierter Tofu, marinierte Kartoffeln und gewürzte Auberginen. Ja, sie werden gebacken. Der Rest ist schon geschnitten und gewürzt im Teller: Aufgetauter Brokkoli und eine halbe Paprika. Ich habe mir beim Zusammenstellen keine Gedanken gemacht. Ich hatte noch nicht die Idee gehabt, alles in einem Review zu bewerten. Es ist erschreckend simpel, ich habe die Sorge, nicht viel Relevantes über dieses Essen zu sagen zu haben. Essensbewertungen sind alles andere als eine Expertise von mir. Ich mag Essen, ich mag es darüber zu reden und ich mag es zu differenzieren, auf welche unterschiedlichen Arten mir ein Essen gefallen oder eben auch missfallen kann, aber in solch einem Format der Rezension habe ich mich noch gar nicht ausprobiert. Genau darin liegt dann hoffentlich auch der Reiz dieses Prozesses.
Okay, das Essen steht jetzt vor mir. Das Ofengut ist knusprig goldbraun gebacken. Ich fange damit an, den Geruch zu beschreiben. Von den Kartoffeln und dem Currypulver geht ein süßlicher Duft aus. Dieser scheint mir der dominante Geruch zu sein. Darunter ist ein leichter feucht erdiger Geruch, ich schreibe diesen der Paprika und dem Brokkoli zu. Vielleicht kommt etwas davon aber auch von den Auberginen. Subtil fasst meine Nase dann auch noch eine ganz dezente Schärfe auf. Unter den Gewürzen sind auch Pfeffer und Chiliflocken. Was macht das mit mir? Es nimmt mich irgendwie auf eine Reise mit, erinnert mich daran, in indischen Restaurants essen zu gehen. Es ist nicht bewusst ein indisches Gericht, aber ich schätze, Zutaten und Gewürze passen in dieses Muster.
Die Stücke des Essens sind alle recht groß geschnitten. Je nach Zutat ein bis vier Bissen groß würde ich sagen. Für das Besteck habe ich mich deshalb einfach nur für eine Kuchengabel entschieden. Ich fange mit einem Stück Aubergine an. Sie ist vor allem sehr feucht, das fällt mir zuerst auf. Dann kommt der erdig-gemüsige Geschmack der Aubergine. Erst zum Schluss berühren die Gewürze meine Zunge. Sie sind salzig, herb und leicht scharf. Mein Mund wird trocken, ein unangenehmes Gefühl, ich habe definitiv zu viel Salz darauf gestreut. Trotzdem esse ich drei weitere Stücke, während ich meine Gedanken aufschreibe. Der Tofu ist um Welten besser geworden, außen Knusprig innen weich. In der Marinade war auch Backpulver. Das verstärkt den gerade beschriebenen Effekt beim Backen von Tofu. Nur Gewürze hätte ich vielleicht mehr gebrauchen können. Überwürzte Auberginen und fader Tofu. Was für ein Schicksal, dass ich, wenn ich mich schon hinsetze und mein eigenes Essen bewerte, gekocht habe, als wäre ich eine Anfängerin. Egal. Brokkoli und Kartoffeln sind mir deutlich besser gelungen. Die Konsistenz der Kartoffeln ist mir ähnlich gut gelungen wie die des Tofus, nur scheinen die Gewürze aus der Marinade hauptsächlich bei denen hängen geblieben zu sein. Anständige Schärfe und das verbrannte Herbe von Paprikapulver. Ist das Western-Style? Es ist auf jeden Fall sehr befriedigend.
Der Brokkoli und auch die Paprika sind ziemlich genau das, was ich von ihnen erwartet habe und frischen das herbe Ofengut gut auf. Ich liebe Kontraste in Kunstwerken und auch mein Abendessen werten sie auf.
Spätere Bisse vom Tofu geben mir das Gefühl, dass ich zu Anfang nur ein besonders fades Stück bekommen habe. Im Großen und Ganzen bin ich eigentlich sehr zufrieden mit diesem Abendessen. Was sagt mir das jetzt? Was macht das mit mir? Es sättigt mich auf jeden Fall, das macht Kunst für gewöhnlich nicht. Dafür kann ich sonst sowas wie Lehren aus Werken, die ich konsumiere, ziehen. Das war gut oder sollte ich öfter machen, fühlt sich für mich irgendwie nicht so sehr wie klassische Lehren an. Irgendwo möchte ich dem Essen den Status Kunst absprechen, aber ich bin der Meinung, dass das hier mehr über meine Fähigkeiten Essen zu interpretieren aussagen würde, als dass es tatsächlich ein Urteil über das Werk wäre. Ich fühle mich ein bisschen, wie als ich das erste Mal den Film “Bladerunner” gesehen hatte und mir noch das Verständnis gefehlt hatte, das Werk angemessen zu kontextualisieren.
Kurz: Ich bin keine Essens-Kritikerin.